Liebeserklärung an Edward

Liebe Grete

Niemals möchte ich es missen (umgangssprachlicher Ausdruck für „vermissen“), wenn du des Abends an meiner Tür kratzt, um hereingelassen zu werden. Schnell wedelt dein Schwanz mit der auffälligen weißen Spitze noch ein paar Mal freudig hin und her, dann legst du dich mit deinem warmen weichen Hundekörper auf meinen Fuß, als ob du mich beschützen müsstest.

Nun streichelt meine Hand dir behutsam über den Rücken und du antwortest mit tiefen Atemzügen. Langsam gleitet mein Blick sodann über deinen dunklen Körper, der wie ein samtener Vorhang glänzt, um anschließend deine regelmäßige Zeichnung zu bewundern – von den sich anschließenden hellbraunen Beinen ausgehend bis hin zu den strahlend weißen, von dir sorgsam geleckten Pfoten.

Und dann schaue ich auf deinen wunderschönen breiten Kopf, zu dem zwei warme, braune Knopfaugen gehören, die ganz groß und kugelrund zu werden vermögen, wenn du deine gesamte Kraft auf das Betteln verlegst – dem kann keiner widerstehen. Auch zwei kleine Schlappohren sowie ein großes Nasenschwämmchen, auf der vorderen Schnauzenspitze zählen dazu und unterstreichen das gutmütige Aussehen deines Kopfes, und nicht zu vergessen die kleinen schwarzen Punkte auf weißem Grund, die den vorderen Teil deiner Schnauze zieren und sich mit zunehmendem Alter immer stärker vermehren. Sie veranlassen Angela immer wieder zu einer Liebkosung und dem Ausspruch „mein kleiner Apfelschimmel“, wenn sie mich, auf meine Abstammung bezugnehmend, nicht gerade „mein kleiner Molosser“ nennt

Wenn du fühlst, es sei längst Zeit für einen Ausflug und mich bestimmt und herausfordernd anblickst, sagt Angela immer lächelnd „du bist wie ein stiller Vorwurf aus Stoff.“ Wenn dies jedoch nicht gleich zur Verwirklichung deines Wunsches hinauszugehen führt, wird dieser durch Auflegen der Schnauze auf Angelas Knie weiter bekräftigt – Sie sagt dann immer wieder „du bist so ein schöner Hund“ und du selbst scheinst die Bedeutung dieser Worte an der Stimme und den Gesichtszügen deiner Besitzerin zu erfassen, als ob mir das Kompliment gefällt, lasse ich gleich ein leises Schmatzen hören. Weiterhin blickt Angela auf mein ausgeprägtes Gebiss, das meine Wehrhaftigkeit andeutet, doch niemals jemandem etwas zu leide tun würde. Im Gegenteil allen Menschen gegenüber zeige ich mich freundlich, lege mich vor ihnen auf den Boden und lasse mich gerne streicheln und liebkosen.

Nur manchmal, wenn ich Frauchen und Angela beim Spazierengehen absolut nicht folgen will, weil ich andere Pläne habe, und mich alle vier Pfoten fest in den Boden stemmend dickköpfig gebärde oder mich wahlweise in Platzhaltung auf den Untergrund fallen lasse, erhält auch Angelas sonst so sanftmütige Stimme einen etwas schärferen Unterton, der von einem entschlossenen Gesichtsausdruck begleitet wird, anerkennend sagt sie: „du hast einen starken Willen.“ Schnell werde ich zu einer Beschwichtigungsgeste bewogen und lecke mir über die Schnauze, diese Handlung wird von Angela meist mit einem mitleidvollen Lächeln quittiert, das mich entspannt und zum Weitergehen bewegt.

„Niemals kann ich mich satt sehen an deiner wunderschönen Erscheinung“, sagt Angela, und ich weiß es genau, welche Haltung ich auch immer einnehme, ich sehe immer niedlich aus und kann jeden um die Pfote wickeln. Frauchen pflegt dann frei nach Shakespeare zu sagen „Ja, jeder Zoll ein König!“ (Quelle: Shakespeares Tragödie „König Lear“ um 1605.)

 

3 Gedanken zu „Liebeserklärung an Edward“

  1. Das ist die schönste Liebeserklärung an einen Hund, die ich je gelesen habe. 😍 Mir sind bisher die kleinen schwarzen Punkte an „unserem
    Apfelschimmel“ gar nicht so aufgefallen. 🙄 Ich wünsche Euch noch viele schöne Kuschelstunden.🐾
    Ganz liebe Grüße von I. & Franzl

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